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  • Kopfkino oder Fehler machen de luxe

    Das Kopfkino beim  Fehler machen

    Ich bin Jongleur und spiele in einer Varietéproduktion in Freiburg. Jeden Tag zwei Shows, in jeder mache ich zwei Darbietungen, die Kisten und die Devil Sticks. Die Zuschauer bekommen nichts zu essen und zu trinken während der Shows, das heißt, es flitzen keine Bedienungen durch den Saal, es stehen keine Tische rum, dafür gibt es Stuhlreihen mit vielen Zuschauern, die mit Lust und voller Konzentration auf die Bühne schauen.

    Fehler machen - aufheben - Weiter jonglierenNächste Woche bin ich eingeladen, meinen neuen Fehlervortrag für die BASF Inhouse Consultants auf Englisch zu machen. Jeden Tag vor der ersten Show sitze ich am Rechner und arbeite an der Übersetzung meiner Rede. Dabei hilft mir eine kanadische Cyr-wheel Akrobatin, die mit in der Show arbeitet. Ihr Englisch hat einen anderen Hintergrund und ergänzt meins ganz gut. Heute haben wir das Thema „Teufelskreis der Fehlervermeidung“ übersetzt – The vicious circle of avoiding mistakes. Leider sind wir nicht ganz fertig geworden, bevor wir zur Show losgehen mussten.

    Auf der Bühne ging dann bei den Devil Sticks mein Schlusstrick mit den zwei Stöcken schief. Na egal – ich mache es einfach nochmal. Vor dem zweiten Versuch sage ich immer: „Tut mir Leid, meine Damen und Herren, das war keine Absicht.“ Das ist immer ein guter Lacher und es nimmt mir ein wenig den Druck vom nächsten Versuch.

    Aber der zweite Versuch ging leider auch schief. Ich bat die Leute um Ruhe und sagte: „Das ist zwar nicht die beste Nummer, aber die längste. Ich versuche es noch ein letztes Mal.“ Und dann hat es auch geklappt. Die Zuschauer feierten mich. Alles prima. Zweite Show. Ich wärme mich auf und da beginnt es: das Kopfkino. ‚Jetzt üb mal nicht nur den Trick, der schief ging, mach das doch mal so, wie du es in deinem Vortrag erzählst. Konzentriere dich auf das Ganze und nicht nur auf den Fehler‘. Im Training ist der Trick  wie sonst auch ja kein Problem. Meistens wärme ich mich so lange auf, bis er dreimal hintereinander klappt. Heute klappte er auf Anhieb achtmal in Folge. Also alles tiefenentspannt. Ich gehe auf die Bühne – jongliere – alles klappt. Da fällt ein Stock runter. ‚Super‘, denke ich, ein Fehler ist besser als keiner. Schließlich wollen die Leute eine Leistung im Grenzbereich des Möglichen sehen, und wenn dann ein Fehler drin ist, dann ist das der sichtbare Beweis, dass die Leistung, die sei gerade sehen, im Grenzbereich meiner (Tages-) Leistungsmöglichkeit ist.  Das ist auch ein Part meiner Rede. Und weiter, die Nummer ist perfekt. Die Augen der Zuschauer kleben an meinen Stöcken, alles perfekt auf die Musik. Dann der ‚Trugschluss‘, die Zuschauer johlen und klatschen.  Dann kommt der zweite Stock.

    Fehler machen & Angst davor - Der Teufelskreis der FehlervermeidungSo, jetzt wird es ernst. Geht es wieder schief? Klappt es jetzt? Halt. Ich wollte mich nicht auf den Fehler konzentrieren, sondern auf das Ganze. Woran denke ich dann? Also: Ich muss mich schnell drehen, damit die Pirouette klappt. Es geht noch schneller, wenn ich dabei ausatme. Und ich muss erst werfen und dann drehen, damit der Wurf nicht verzogen wird. Ich stelle mir die Flugbahnen vor, wie sie in Perfektion stattfinden sollen. Aber was mache ich da? Ich bin ja schon wieder beim Fehler.  Ich sollte mit dem Kopf bei dem sein, was ich mache, und nicht bei dem, wovor ich Angst habe. Ja – ich sage in meinem Vortrag auch, dass es jeden Tag eine neue Herausforderung ist, den Fehler und die Fehlerwahrscheinlichkeit zu akzeptieren. So weit sind wir heute bei der Übersetzung leider noch nicht gekommen. Wenn man sich mit dem Fehler abfindet und damit, dass der Fehler dazugehört dann kann man damit den Druck für den nächsten Versuch reduzieren. Aber das klappt nur wenn man den nötigen Grad an Gelassenheit erreicht. Wenn man sich nicht vom Erfolg abhängig macht.  Egal, ob der Trick klappt oder nicht – ich bin sowieso gut. Ich bin ja nicht der Trick. Das muss man differenziert sehen können. Aber was ist das, was geschieht denn da? Da fällt mir schon wieder beim Schlusstrick mit den zwei Stöcken einer runter. Mist. Jetzt stecke ich in der Falle. Ich bitte die Leute um etwas Ruhe: „Tut mir Leid, das war keine Absicht.“  Lacher. Zweiter Versuch. Musik läuft. Ich konzentriere mich, stelle mir vor, wie es klappt. Halte die Luft an, damit ich gleich ausatmen kann, die Stöcke bewegen sich synchron.  Dann ist die Extramusik zu Ende, die Zuschauer sind mucksmäuschenstill. Das darf jetzt nicht schiefgehen. Was würde mir denn das für eine Glaubwürdigkeit für den Vortrag verleihen? Wenn ich es selbst nicht schaffe, aus diesem Teufelskreis der Fehlervermeidung herauszukommen… Ich stelle meine Füße in die perfekte Ausganssituation. Schaue noch mal nach oben und zur Seite. Der Moderator steht in den Vorhängen, schaut mich an und drückt mir die Daumen. Die Zuschauer sind gespannt, alles klar. Wurf. Ausatmen. Drehung. Mist. So ein Mist. So ein Riesenmist. Nee, das kann doch wohl nicht wahr sein, sooo knapp. Jetzt lasse ich den zweiten Spruch weg. Ich habe jetzt keinen Bock, auf ‚lustig‘ zu machen, das hier ist todernst. Hier geht es um alles. Hoffentlich schaut der Veranstalter nicht zu. Wie peinlich ist das denn? Und was denken die Techniker? In der Probe habe ich noch gesagt, dass es meistens auf das erste Mal klappt und wir die Extramusik eher selten brauchen werden, und nun? Mist. Nachher sind alle Artisten und die vom Service und von der Kasse zum Essen eingeladen – die schauen bestimmt alle zu und stellen später doofe Fragen. Da hab ich vielleicht Bock drauf. In der ersten Show schon auf den dritten Versuch und jetzt?

    Nachdenken über das Fehler machen - Jongleur über den Teufelskreis der FehlervermeidungDas letzte Mal, dass der Schlusstrick nicht funktioniert hat, das war 2008. Vor fünf Jahren!  2008 im Dezember. Aber was mache ich denn da? Das sind alles verbotene Gedanken in so einem Moment.  Also. Los. Konzentriere dich. Es ist egal, wenn es schiefgeht. Das kann ja mal passieren, das ist nicht schlimm, das blende ich einfach aus. Scheiße – das sage ich auch in meinem Vortrag. Dass es nicht gut ist, es einfach vergessen zu wollen, zu leugnen. Das wird so nicht funktionieren. Dann kann ich gleich versuchen, meine Probleme in Alkohol zu ertränken, das würde auch nicht funktionieren. Also dritter Versuch. Konzentriere dich. Musik. Am besten, ich mache nicht so lange rum, bis ich werfe. Keine Show heute.  Ich warte nicht erst, bis die Musik zu Ende ist. Ich  weiß, eigentlich ist es spannender, wenn die Extra-Musik zu Ende ist und ich im stillen Saal den Trick mache, aber ich habe heute definitiv nicht die Nerven. Ich mach’s gleich. Ich akzeptiere den Fehler, ich akzeptiere den Fehler, ich akzeptiere den Fehler. Hoffentlich klappt‘s. Der Moderator steht an der Seite. Also los. Wurf. Atmen. Drehung. Mist. Chancenlos. Was war denn das für ein schlechter Wurf? So ein Mist. Der Moderator schaut mich fragend an. Ich gebe ihm zu verstehen: „Das war’s“. Ich sammle die Stöcke auf, gehe in die Bühnenmitte, schaue die Zuschauer an, ziehe meine Schultern hoch und gebe zu verstehen: Sorry, soll wohl heute nicht sein. Ich verbeuge mich. Was denken die Leute jetzt wohl? Der Moderator sagt: „Andy Gebhardt“, aber sein Mikro ist nicht auf, er sagt es unverstärkt. Der Tontechniker überlegt wohl noch, ob ich die Applausmusik heute verdiene oder nicht, jedenfalls verbeuge ich mich ohne meine Applausmusik. „Andy Gebhardt“- versucht es der Moderator noch mal, aber sein Mikro ist immer noch zu.  Blanker Hohn; Ich will meinen Namen jetzt nicht hören, da geht die Applausmusik los, er blendet sie sachte ein, wahrscheinlich, um seine Unsicherheit zu betonen. Ich gehe zügig von der Bühne, wer will sich in so einem Moment schon feiern lassen? Dann wieder der Moderator, dieses Mal laut hörbar für alle: „Andy Gebhardt mit den Devil Sticks.“

    Da beschäftige ich mich schon seit Jahren mit dem Thema Fehler und dem Umgang damit, halte nun sogar Vorträge darüber und dann so was. Wow, war das ein Kopfkino.

    Später erzähle ich meiner Freundin am Telefon, wie die Show war. Da sagt sie: „Andy, da musst du locker bleiben, das ist nicht schlimm, wenn es schiefgeht, das gehört dazu. Du darfst dich nicht auf den Fehler konzentrieren. Denk doch mal an das, was du in deinem Vortrag selbst sagst.“

    AAAAAAAAAH.

    Eine Fortsetzung der Geschichte finden Sie im Artikel: Kopfkino – auf dem Weg zur Gelassenheit

    Andy Gebhardt ist immer mehr als Redner unterwegs. Er hält Vorträge zum Thema Fehlerkultur

    Hier gibt es auch noch weitere Artikel zum Thema Fehlerkultur

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    Posted on 10:24 by in Fehlerkultur

4 Responses so far.

  1. Stefan says:

    Lieber Andy,
    Es ist wirklich interessant und spannend geschrieben, eben so wie du und dein Leben.

  2. Lena Köhn says:

    Hallo Andy.
    Ich habe hier auch eine kleine interessante Geschichte. Als ich damals zu Beginn meiner Laufbahn mit den Diabolo den 3 er Start vom Boden begonnen habe auf der Bühne zu zeigen, schaffte ich es immer erst beim zweiten Mal. Das hat mich so geärgert, weil es im Training immer perfekt war. Dann hatte ich einmal auf der Bühne die Eingebung, Einfach den ersten Versuch wegzulassen und mental schon beim zweiten zu beginnen. Seitdem hat es immer auf Anhieb geklappt. Spannend, oder?

    • Andy Gebhardt says:

      Hallo Lena,
      vielen Dank für Deinen spannenden Beitrag. Ist es nicht faszinierend wie stark die Gedanken unser Geschick beeinflussen? Stellst Du Dir immer noch vor der erste Versuch wäre bereits der zweite? Oder hat sich das inzwischen erledigt? Wie gehst Du denn heute damit um, wenn der Trick nicht auf’s erste Mal klappt?

      • Lena says:

        Hallo Andy,
        wie gesagt, jetzt klappt der Trick immer. Ich stelle mir schon lange nicht mehr vor, es wäre schon der zweite Versuch, sondern konzentriere mich auf die Technik und meinen Atem. Ich glaube ich war früher zu sehr im Kopf damit beschäftigt,ob es klappt, und das hat die Aufmerksamkeit von der eigentlichen Aufgabe abgelenkt.
        Auch bei anderen schwierigen Tricks versuche ich mich nicht damit zu befassen, ob es gelingt, sondern stelle mir die Eckpunkte des Bewegungsablaufs vor und konzentriere mich darauf, eine ruhige Hand zu haben, und den Atem fliessen zu lassen.